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Zur Situation der Freiwilligendienste

Mit dem Aussetzen der Wehrpflicht und damit auch des Zivildienstes wurde im Sommer 2011 neben den schon seit Jahrzehnten existierenden Jugendfreiwilligendiensten „Freiwilliges Soziales Jahr“ (FSJ) und Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ), der Bundesfreiwilligendienst (BFD) neu eingeführt.

Die Jugendfreiwilligendienste gelten als soziales, freiwilliges und ehrenamtliches  Bildungsjahr und gehören zu den besonderen Formen des bürgerschaftlichen Engagements. Die TeilnehmerInnen bekommen die Chance, einen tiefen Einblick in die unterschiedlichen Einsatzfelder der verschiedenen Einsatzstellen zu erlangen, Kompetenzen zu gewinnen und darüber hinaus ihre Kritik-, Kommunikations- und Kooperationsfähigkeit weiter zu entwickeln.

Die Nachfrage nach FSJ/ FÖJ und BFD- Plätzen ist nicht zuletzt durch die doppelten Abiturjahrgänge in vielen Bundesländern (auch in Berlin) momentan so groß wie noch nie zuvor. Trotz der Verwendung eines Großteils der ehemalig für den Zivildienst gedachten Haushaltsmittel des Bundes für den Ausbau der Freiwilligendienste, gibt es bei den Freiwilligendiensten starken Weiterentwicklungsbedarf . Es besteht schon wieder die Notwendigkeit einer Reformierung des Bundesfreiwilligendienstgesetzes  (BFDG April 2011) und des  Jugendfreiwilligendienstegesetz (Mai 2008).
Die wesentlich Forderungen zur Überarbeitung des Gesetzes, sind in dem Antrag der SPD- und Grünen-Fraktion im Bundestag vom 12.06.2012 zusammengefasst. (http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/099/1709926.pdf)

Die Finanzierung der Freiwilligendienste und der Bildungsangebote für die Freiwilligen sind hierbei ein Kernthema.

Die Förderung vom FSJ/FÖJ und BFD erfolgt in der Regel nicht über eine Landesmittel, sondern über das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), welches die zur Verfügung stehenden Gelder an die verschiedenen Träger (z.B. Wohlfahrtsverbände oder Jugendverbände) verteilt.
Diese treten wiederum mit den Einsatzstellen (wie z.B. derGrünen Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus) in Kontakt. Die Einsatzstellen, die einen geförderten Platz bekommen, müssen jedoch einen Eigenbetrag leisten. Die große Nachfrage nach FSJ/FÖJ und BFD- Plätzen und die Begrenzung der dafür zur Verfügung gestellten Haushaltsmittel führte dazu, dass das BMFSFJ 2012 eine Kontingentierung der BFD-Plätze vorgenommen hat.
Bei den FSJ/ FÖJ- Plätzen verhält es sich ähnlich, nur dass es hier keine unmittelbare Platzbegrenzung gibt, sondern die finanzielle Förderung auf eine bestimmte Anzahl an Teilnehmer_innen begrenzt wird. Je mehr Plätze vom einzelnen Träger vergeben werden, desto weniger Förderung erfährt die oder der einzelne Freiwilligendienstleistende, was zu einer mittelbaren Platzbegrenzung führt.

Am Beispiel des FSJ im Politischen Leben eines Trägers in Berlin lässt sich diese Situation gut darstellen.
Auf die fünfzehn vom Bund mit monatlich 122,43 € geförderten Plätze, haben sich z.B. über 80 Jugendliche bei dem Träger (Internationale Jugendgemeinschaftsdienste) beworben und 21 Jugendliche wurden an Einsatzstellen vermittelt. Die finanzielle Förderung der 15 Stellen muss daher auf 21 aufgeteilt werden. Der Berliner Träger würde jedoch gerne wesentlich mehr Freiwillige aufnehmen, was jedoch durch die Knappheit der Förderung nicht möglich ist. Vielen interessierten Einsatzstellen und Bewerbern musste in diesem Jahr daher abgesagt werden.

Aktuell, im Freiwilligendienstzyklus 2012/2013, werden vom Bund sowohl 35.000 FSJ/FÖJ- also auch BFD- Stellen gefördert.
Nimmt man jedoch die Anzahl der BFD und FSJ/FÖJ TeilnehmerInnen zusammen, so verrichten zum jetzigen Zeitpunkt ca. 85.000 Freiwillige ihren Dienst.
Um alle Plätze bedarfsgerecht fördern zu können, wäre eine Aufhebung der Kontingentierung der BFD - Plätze sowie eine Erhöhung der Mittel für den Jugendfreiwilligendienst und des BFD erstrebenswert.

Zudem ist es die Überlegung wert, das FSJ, wie auch das FÖJ, zusätzlich über Landesmittel und Geldern des Europäischen Sozialfonds zu fördern.
Weiterhin sollte neben den Freiwilligendienstangeboten für inländische TeilnehmerInnen und den bestehenden Auslandsprogrammen auch ein Programm für InteressentInnen aus dem Ausland eingeführt werden.

Da dabei für inländische Einsatzstellen neben den üblichen Kosten auch Visa, Unterkunft und Sprachkurskosten entstehen, werden zum momentanen Zeitpunkt von deutschen Einsatzstellen nur sehr wenige Freiwillige aus dem Ausland aufgenommen.
Überlegungen über ein eigenes Inlandsprogramm für Teilnehmer aus dem Ausland und damit verbunden eine zusätzliche finanzielle Unterstützung der Einsatzstellen und dem jeweiligen Träger wären wichtig und für einen internationalen Jugendaustausch förderlich.

In einer von Globalisierung geprägten Welt ist eine Förderung eines interkulturellen Dialogs zum Verständnis andere Kulturen wichtig. Das Engagement für Menschen und das Gemeinwohl einer anderen Kultur bedeutet einen Gewinn an interkulturellen, gesellschaftspolitischen und persönlichen Erfahrungen für die oder den  Freiwilligendienstleistende(n). Daher gilt es das Potential von InteressentInnen aus dem Ausland zu fördern und auch ihnen die Möglichkeit einer Teilnahme an einem Freiwilligendienst in Deutschland zu gewährleisten.
Neben dem bestehenden Programmen für deutsche TeilnehmerInnen im Ausland (jährlich ca. 3000) sollte genauso auch Umgekehrtes, ein „Incoming“ möglich sein.

Nicht nur bei der Finanzierungslage, sondern auch bei den Bildungsangeboten für die Freiwilligen gibt es Handlungsbedarf.

Die Träger sind für den Interessenausgleich zwischen Freiwilligen und Einsatzstelle verantwortlich und haben die Aufgabe, die Umsetzung des Freiwilligendienstes als Bildungs- und Orientierungszeit zu sichern. Dazu zählen auch eine feste Zahl an Bildungstagen und Seminarwochen sowie die pädagogische Betreuung.

Die Qualität der Bildungsangebote beim FSJ und BFD unterscheidet sich enorm und variieren in ihrer Realisierung. Insbesondere beim BFD gibt es auf diesem Gebiet Nachholbedarf.
Grundsätzliche Probleme der Umsetzung eines qualitativen Bildungskonzepts im BFD ergeben sich daraus, dass der BFD im Gegensatz zum FSJ, an dem man lediglich bis zum 27. Lebensjahr teilnehmen kann, altersoffen ist und ein Einstieg zu jedem Zeitpunkt im Jahr möglich ist.
Die Seminararbeit im BFD wird dadurch erschwert, dass der Bildungsanspruch Lebensälterer ein anderer ist als der von jüngeren oder minderjährigen Teilnehmern. Die Angebote für diese TeilnehmerInnen muss ebenso heterogen sein, wie ihre Lebenswirklichkeit. Darin besteht die Herausforderung für die Bildungsangebote im Rahmen des BFD.
Die Angebote für ältere Freiwillige muss deren Bedürfnissen gerecht werden und an vorhandene berufliche Kompetenzen und Lebenserfahrungen anknüpfen. Sie brauchen ein für sie konzeptionell angepasstes Curriculum.

Momentan werden den Zentralstellen pro BFD- Freiwilligem monatlich ca. 100 € in Form eines Bildungsgutschein vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA)  bereitgestellt, dieser lässt sich jedoch nur in Bildungszentren einlösen.

Das Konzept der Bildungszentren des Bundes für die BFD- Seminare ist nach wie vor stark von den Strukturen des alten  Zivildienstes geprägt. Oft sind die Bildungszentren dezentral, die Anfahrtswege weit,  Unterrichtsmethoden nicht mehr zeitgemäß und es ist fragwürdig ob für die Teilnehmer überhaupt einen pädagogischen Mehrwert geboten wird. Häufig wird der starre Schulungscharakter und die Arbeit der Bildungsreferenten von den Trägern kritisiert. Auf den  Partizipationsanspruch der Teilnehmer wird selten eingegangen, so finden kaum in Eigeninitiative entstandenen Workshops, Diskussionen oder eine Selbstversorgung statt.

Diese Strukturen und Inhalte gilt es kritisch zu hinterfragen und entsprechend an den Bedürfnissen der TeilnehmerInnen neu zu entwickeln. So könnte man das Bildungskonzept des BFD dem des Freiwilligen Sozialen Jahres anpassen bzw. ähnlich gestalten.
Eine zielgruppengerechte Pädagogik und einen umfassenden Bildungsbegriff praktizieren die Trägerorganisationen der Jugendfreiwilligendienste FSJ und FÖJ. Diese sollten Grundlage für die pädagogische Begleitung aller Freiwilligendienstleistenden sein. (Antrag der Fraktionen SPD und Bündnis 90/Die Grünen: „Freiwilligendienste in zivilgesellschaftlicher Verantwortung stärken“ (12.06.2012)).

Der Bundesfreiwilligendienst hat die bestehenden Freiwilligendienst ergänzt und damit interessierten Freiwilligen neue Möglichkeiten für bürgerschaftliches Engagement eröffnet.
Die Aufgabenfelder der ehemaligen Zivildienststellen, die durch das Bundesfreiwilligendienstgesetz Einsatzstellen im Rahmen des BFD wurden, haben sich verändert, demnach sollte auch das Bildungsangebote dementsprechend verändert werden.

Da sich Bildungsgutscheine und Bildungszentren in der Praxis nicht bewährt haben, gilt es auch dieses Konzept zu überdenken, wenn nicht gar abzuschaffen.
Eine grundlegende Reform des Bildungskonzepts für die Bildungszentren des Bundes ist dringend notwendig, so sollte z.B. der Träger anstelle der Bildungsgutscheine das Geld für die pädagogische Begleitung vollständig ausgezahlt bekommen. Die Gestaltung eines passgenauen Angebots und eine zielgruppengerechtere Pädagogik würde dadurch erheblich erleichtert werden.

Darüber hinaus gilt es die momentane Rolle des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) zu überdenken. Das BAFzA nimmt eine problematische Doppelrolle ein.
Einerseits ist es koordinierende Behörde des Bundes für den Bundesfreiwilligendienst, verantwortlich für die Anerkennung von Einsatzstellen des BFD, schließt  die Verträge mit den Bundesfreiwilligendienstleistenden und fungiert als Aufsichtsbehörde über die Zentralstellen, organisiert die politische Bildung in den Bildungszentren.
Zum anderen ist es gleichzeitig größte Zentralstelle mit ca. 11- 12.000 Plätzen. Diese Doppelrolle verletzt das für die Freiwilligendienste konzipierte Subsidiaritätsprinzip.
Das eine staatlich Behörde als zivilgesellschaftlicher Träger auftritt ist problematisch. Deshalb sollte die Rolle des BAFzA als Zentralstelle aufgehoben werden.
Im FSJ arbeiten die meisten Zentralstellen mit angeschlossenen Trägern, dieses in den Jugendfreiwilligendiensten bewährte Prinzip könnte man auch im Bundesfreiwilligendienst aufgreifen.

Um noch mehr Jugendliche für ein freiwilliges bürgerschaftliches Engagement zu gewinnen gilt es eine noch engere Kooperation zwischen Schulen und Jugendverbänden zu organisieren.
So könnten Trägern an die Schulen herantreten Beratungen durchführen, Engagementmöglichkeiten im Rahmen von Freiwilligendiensten vorstellen und ersten Informationen geben.

Vor diesen Hintergründen gibt es sowohl im FSJ als auch beim BFD an vielen Stellen noch Handlungsbedarf.
Es muss darum gehen, die bereits vorhandenen, und teilweise veralteten Strukturen des FSJ und BFD zu überdenken und zu reformieren.
Das würde insbesondere
1. die Aufhebung der Kontingentierung der Freiwilligendienstplätze-Plätze sowie eine Erhöhung der Mittel für den Jugendfreiwilligendienst und des BFD,
2. die Einführung eines separates Programm für InteressentInnen aus dem Ausland,
3. die Verbesserung der pädagogischen Begleitung der Teilnehmer im BFD,
4. die Reformierung des Bildungsgutscheinprinzips,
5. die Prüfung der Notwendigkeit von staatlichen Bildungszentren,
6. die Aufhebung der Doppelrolle der BAFzA,
7. die engere Kooperation zwischen Schulen und Trägern bedeuten.

Quellen:

Arbeitskreis der Bundeszentralen Trägerverbände und Zentralstellen:
Stellungnahme für den Unterausschuss „Bürgerliches Engagement“ für die Sitzung am 29.02.2012

Antrag der Fraktionen SPD und Bündnis 90/Die Grünen:
„Freiwilligendienste in zivilgesellschaftlicher Verantwortung stärken“ (12.06.2012)

BMFSFJ/ Referat FD 3 (Arbeitsstab Freiwilligendienst):
Darstellung der zuwendungsfähigen Ausgaben für die pädagogische Begleitung im FSJ/ FÖJ (Stand: 03.04.2012)

Bundesministerium des Innern:
Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend Förderrichtlinien Jugendfreiwilligendienste – RL- JFD) (11.04.2012)

Bundesrat:
Beschluss des Bundesrates; Entschließung des Bundesrates zur Weiterentwicklung der Freiwilligendienste (21.09.2012)

Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Unterausschuss „Bürgerschaftliches Engagement“ (29.02.2012)

Interview mit Matthias Pletsch Referat FSJ Politik ijgd- Landesverein Berlin e.V.
Interview mit Bernd Kuhlmann Leiter des "Freiwilligen Ökologisches Jahrs" der Stiftung Naturschutz Berlin