Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus von BerlinHeader_HP

6. Juni 2007

Tempelhof für alle!

Beendigung des Flughafenbetriebs

Grundsätze zur Entwicklung des Gesamtareals

Die Suche nach einer Kernnutzung

Zum Vorgehen

Beendigung des Flughafenbetriebs

Der Flughafenbetrieb muss so bald wie möglich – spätestens zum 31.10.2008 – definitiv eingestellt werden, und zwar sowohl für den Linienflugverkehr als auch für Geschäftsverkehr. Das von der "Interessengemeinschaft City-Airport Tempelhof" initiierte  Volksbegehren ist für uns inhaltlich nicht unterstützenswert. Es kann auch nicht zum gewünschten Erfolg führen, weil Berlin sich im Planfeststellungsverfahren für den Flughafen BBI – Schönefeld zur Schließung von Tempelhof und Tegel verpflichtet hat. Hierüber muss der Senat die Berliner Bevölkerung besser aufklären.

Viele Gründe sprechen für die Schließung Tempelhofs: Die mit den An- und Abflügen verbundene besonders hohe Umwelt- und Gesundheitsbelastung ist in dieser Innenstadtlage nicht länger tragbar. Auch die Unfallgefährdung ist hier deutlich größer als in Stadtrandlage.

Wer den Klimaschutz Ernst nimmt, muss sich für weniger statt für mehr Flugverkehr einsetzen.

Die Aufrechterhaltung des Betriebs wäre auch höchst ineffizient und kostenträchtig. Derzeit macht der Flughafenbetrieb Defizite von über zehn Millionen Euro pro Jahr. Den neuen Flughafen BBI wird man vom Zentrum aus in weniger als 30 Minuten erreichen. Die Anfahrtszeiten nach Tempelhof sind nur ca. zehn Minuten kürzer als nach Schönefeld, weil Tempelhof praktisch auf dem Weg nach Schönefeld liegt. Tempelhof selbst wird über den Bahnhof Südkreuz und über die Autobahn so günstig an Schönefeld angeschlossen sein, dass sich ein zusätzlicher City- Airport gar nicht lohnt. Die Konzentration des Flugverkehrs auf einen Standort ist sowohl für den Flugbetrieb als auch für flughafennahe Unternehmen sinnvoll.

Das Interesse der Bahn AG am Betrieb des Flughafens Tempelhof für Geschäftsflugverkehr ist absurd. Von der Bahn erwarten wir, dass sie eine optimale Schienenverkehrsinfrastruktur bereitstellt. Die Bahn wird vom Steuerzahler und von den Bahnkunden nicht finanziert, um schienenverkehrsfremde private Logistik zu betreiben. Wir fordern den Gesellschafter Bund auf, dafür Sorge zu tragen, dass die Bahn AG sich auf die Optimierung ihres Kerngeschäfts konzentriert.

Grundsätze zur Entwicklung des Gesamtareals

Für die Entwicklung dieses 386 Hektar großen, bedeutenden Stadtgebiets sollen folgende Grundsätze gelten:

  • Das Areal muss von der öffentlichen Hand entwickelt werden. Bund und Berlin dürfen sich nicht verführen lassen, das gesamte Areal einem privaten Investor zu überlassen, um hier eine private Stadt in der Stadt zu bauen.
  • Der Entwicklung dieses Ortes muss man Zeit geben. Es ist sinnvoll, die Teilgebiete abschnittweise und zeitlich gestreckt zu planen. Auch Zwischennutzungen, die mit der zukünftigen Entwicklung vereinbar sind, können hier Platz finden. Berlin hat seit der Vereinigung zu viele Flächen gleichzeitig erschlossen, die wenig wirtschaftliche Kraft entwickeln, weil alle gleichzeitig auf Investoren warten.
  • Die im Berliner Flächennutzungsplan festgelegten Nutzungen und die sparsame Erschließung von den Rändern her mit Offenhaltung einer großen Freifläche in der Mitte ist prinzipiell richtig. Für den Bau eines neuen kompakten Stadtteils auf dem Flugfeld hat Berlin auf absehbare Zeit keinen Bedarf.
  • Das Areal muss sich räumlich öffnen zu den angrenzenden Stadtteilen und muss ihre städtebauliche Aufwertung ermöglichen. Dies gilt insbesondere  für städtebauliche Ergänzungen zum Quartier der Schillerpromenade und zum Bereich Silbersteinstrasse / Oberlandstrasse. Räumliche Verbindungen dürfen aber nicht durch neue Verkehrsachsen geschaffen werden. Die angrenzenden Stadtteile und das Tempelhofer Feld sind sehr gut durch die Tangentialstraßen Tempelhofer Damm, Columbiadamm, Hermannstrasse, Oberlandstrasse erschlossen.
  • Wir wollen das eigentliche Flugfeld im Wesentlichen als große Grün- und Freifläche erhalten und entwickeln. Diese im Berliner Flächennutzungsplan dargestellte Hauptnutzung durch eine große Freifläche ist wichtig, weil sie die vorhandenen Stadtkanten ergänzende Nutzung und Aufwertung ermöglicht und die Verbindung der Stadtteile durch eine großzügige Freifläche und Raum für Erholung und Freizeit herstellt. Diese Freifläche ist auch eine wichtige Luftschneise für den Süden Berlins. Rad- und Fußwegbeziehungen über die vorhandenen Start- und Landebahnen schaffen attraktive Verbindungen zwischen den angrenzenden Stadtvierteln
  • Die große Freifläche soll möglichst naturnah und pflegeleicht gestaltet werden, sparsam gegliedert durch Sträuche und Bäume. Die Rollbahnen werden Trendtreff für die Jugend aus aller Welt, für Kulturveranstaltungen, Skaten, Freiluftdisko, Sport und Spiele aller Art. Die Loveparade könnte hier neue Höhepunkte feiern. Ein Teilgebiet wird zum städtischen "Youth-Campingplatz Tempelhof International".

Die Suche nach einer Kernnutzung

  • Das Areal braucht eine Kernnutzung für das historisch bedeutsame und unter Denkmalschutz stehende Flughafengebäude mit dem anschließenden Bogen der Abfertigungsanlagen. Bislang gibt es zwei Ideen für die privatwirtschaftliche Nutzung. Das eine war der Vorschlag der Schaffung eines neuen Technologieparks. Diese Idee halten wir für nicht tragfähig, weil dies die Entwicklung der bereits geschaffenen Technologiezentren im Wedding und in Adlershof ebenso wie die vielen Gewerbehöfe Berlins schwächen würde.
  • Das andere ist die Anfrage eines Investors für ein Gesundheitszentrum mit ergänzendem Geschäftsflugverkehr. Allerdings plant der Investor gar keine Neuansiedlung von Arbeitsplätzen des Gesundheitsdienstes, sondern will eine Konzentration bereits in Berlin vorhandener ambulanter Versorgungseinrichtungen an den Standort Tempelhof. Dies halten wir für nicht zweckdienlich.

Wir wollen die Diskussion um die Nachnutzung der baulichen Flughafenanlagen und des engeren Vorfeldes offensiv mit einer Initiative zum weiteren Hauptstadtumzug von Bonn nach Berlin zu verknüpfen. Wir halten die Umsiedlung von Bundesministerien von Bonn nach Tempelhof für sinnvoll und machbar. Allerdings erfordert die Vereinbarkeit des Terminal-Halbrunds mit neuer Verwaltungsnutzung kreative gestalterische Ideen. Zusätzlich zu den denkmalwerten baulichen Anlagen kann das engere Vorfeld des Flughafens für ergänzend notwendige Bau- und Nutzflächen gebraucht werden. Der Bund ist Eigentümer der Anlagen. Der Standort ist optimal mit der U – Bahn ans Zentrum angebunden. Der neue Bahnhof Südkreuz ist in fünf Minuten erreichbar. Der Flughafen BBI ist optimal per Bahn und Autobahn erreichbar.

Wir fordern den Senat auf, aktiv mit dem Bund über die Nutzung der Flughafenanlagen für einen Umzug von Bundesministerien zu verhandeln. So können neue Arbeitsplätze für Berlin gewonnen und eine passende Nutzung für die denkmalwerten und geschichtsträchtigen Flughafengebäude gefunden werden.

Zum Vorgehen

Aktuell geht es darum, die BürgerInnen davon zu überzeugen, dass ein stadtverträgliches Konzept für die Nachnutzung die bessere Lösung ist als die Weiternutzung des Flughafens für einzelne privilegierte Geschäftsflieger. Dafür muss im Rahmen des Volksbegehrens offensiv geworben werden. Dazu kann ein (möglichst internationaler) Konzept-Workshop dienen oder Studienentwürfe Berliner Hochschulen. Vor allem sind auch die Ideen und Entwürfe für eine Neunutzung der denkmalgeschützten baulichen Anlagen gefragt. In den Prozess der Konzepterarbeitung sind die BürgerInnen Berlins und speziell die BewohnerInnen der angrenzenden Stadtteile aktiv einzubeziehen.

Gleichzeitig muss der Senat die Bevölkerung darüber aufklären, dass er den Wünschen des Volksbegehrens nicht nachgeben kann, weil damit der Standort BBI erneut infrage gestellt werden würde.

Wir rufen alle Berliner und BerlinerInnen auf, sich aktiv und kreativ in den Prozess zur künftigen Gestaltung des Tempelhofer Feldes einzubringen, sei es durch Vorschläge für die langfristige Nutzung, sei es für dem Gebiet zuträgliche Zwischennutzungen.

Franziska Eichstädt-Bohlig