Bündnis 90/Die Grünen im Abgeordnetenhaus - Berlin

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Claudia Hämmerling

Claudia Hämmerling ist seit 1995 grüne Abgeordnete und eine der dienstältesten Mitglieder der Fraktion. Sie war in Ostdeutschland Lehrerin für Erdkunde und Sport, bis ihr Engagement dem System zuwiederlief. Die leidenschaftliche Verkehrspolitikerin lebt mit ihrem Mann in Blankenburg, hat zwei Söhne und liebt die Berliner Stadtnatur.

10 Fragen an Claudia Hämmerling:

AbgeordneteR des Monats

1. Du bist "gelernte Ostdeutsche", wie hast Du die Wende erlebt?

Der 4. November 1989 war der schönste Tag in meinem Leben. Zur Demo auf dem Alexanderplatz waren mehr als eine Million DDR-Bürger gekommen – fast zehn Prozent der Bevölkerung! Ich selber demonstrierte mit einem Demo-Schild "Freie Wahlen". Es war eine unvergessliche Stimmung, alle hatten das Gefühl dabeizusein, wenn Geschichte geschrieben wird. Und so kam es dann ja auch – fünf Tage später war nichts mehr so wie vorher.

2. Wie sah Dein Leben in der DDR aus?

Bis 1986 habe ich als Lehrerin für Sport und Erdkunde gearbeitet. Doch ich geriet immer mehr mit dem System in Konflikt. Zum Beispiel durfte eine meiner Schülerinnen, die nicht in der FDJ war, nicht auf die Erweiterte Oberschule, um das Abitur zu machen. Oder ich musste im Sportunterricht mit Wurfgeschossen lehren, die Nachbildungen von Handgranaten waren. Das wollte ich vor meinen Schülerinnen und Schülern irgendwann nicht mehr vertreten. Und ich war damals schon ziemlich öko – im Unterricht habe ich Bilder vom Waldsterben im Erzgebirge gezeigt, das zu der zeit von den industriellen Abgasen vergiftet war. Doch das erwies sich nicht als "pädagogisch erwünscht". Ich habe dann meine Arbeit als Lehrerin aufgegeben.

3. Warum bist Du Grüne?

Claudia Hämmerling mit Ballons "Tierschutz ins Grundgesetz!"Früher, vor der Wende, war Partei für mich ein rotes Tuch. Und dann, 1989, wollte ich unbedingt Politik machen. Und als das Bündnis 90 gegründet wurde, bin ich als eine der ersten eingetreten. Meine Mitgliedsnummer liegt in den ersten 50. Die Themen, die mich am meisten bewegt haben und noch immer bewegen, sind Demokratie und Umweltschutz. Deshalb liegt meine Schnittmenge mit den Grünen noch immer bei über 80 Prozent – denn ohne ein demokratisches Gemeinwesen und eine gesunde Umwelt sind alle anderen politischen Forderungen bedeutungslos. Dazu gehört für mich auch, alle Meinungen im Entscheidungsprozess anzuhören und Mehrheiten zu akzeptieren, auch wenn es mal gegen die eigene Linie geht.

4. Warum ist Verkehrspolitik Deine Leidenschaft?

Grüne Demonstration für einen autofreien Tag in Berlin - Claudia Hämmerling mit FraktionskollegInnenIch bin über die Stadtplanung zur Verkehrspolitik gekommen. Mich beschäftigt vor allem der Zusammenhang zwischen dem öffentlichen Raum und dem Anspruch der verschiedenen VerkehrsteilnehmerInnen. Deswegen engagiere ich mich für die, die in der autofixierten Straßenplanung immer zu kurz kommen, also Radfahrer, Fußgänger Kinder, Menschen mit Behinderungen, Ältere und Nutzer Öffentlicher Verkehrsmittel. Ein Beispiel: Berlin hat die niedrigste Auto-Quote in Deutschland. Der Radverkehr macht in der Berliner Innenstadt rund 25 Prozent des Gesamtverkehrs aus, trotzdem haben Radspuren auf der Straße Seltenheitswert, weil die Fahrzeuge ein Exklusivrecht für die Straßennutzung haben. Die Radfahrer schickt der Senat lieber auf Kollisionskurs mit den Fußgängern auf Miniradwegen auf dem Bürgersteig. Es ist ungerecht und klimafeindlich, dass der Öffentliche Nahverkehr gegenüber dem Auto in der Verkehrsplanung so benachteiligt wird. Die geplante A100 durch Treptow und Friedrichshain für 420 Millionen Euro ist ein Beispiel dafür – das Geld wäre in einem gut ausgebauten Radnetz und barrierefreien Zugängen zu S-und U-Bahnhöfen viel besser angelegt.

5. Was macht Deinen Stadtteil Blankenburg im Norden Berlins aus?

Blankenburg ist ein Dorf in der Stadt – und, wenn die S-Bahn fährt, ist das Zentrum nur 20 Minuten entfernt. Seit der Wende hat es bei uns einen großen Zuzug gegeben. Die Bevölkerungszahl hat sich seit 1989 mehr als verdoppelt. Das Engagement der Einwohnerschaft für das Gemeinwesen ist auch größer geworden. Es gibt Bürgerinitiativen und Vereine, die sich unter andem für eine Aufwertung des Ortskerns, und für die Schule einsetzen.

6. Welche Projekte hast Du gerade, woran arbeitest Du im Abgeordnetenhaus?

Clara Herrmann bei einer grünen Aktion gegen die A100Das wichtigste Projekt ist für mich, den Weiterbau der A100 zu verhindern. Wir haben in den letzten Monaten schon viele Aktionen in der Stadt und im Parlament dazu gemacht – zuletzt bei einer Radtour über die geplante Bauroute in Friedrichshain beim langen Tag der Stadtnatur. Das zweite große Thema, besonders jetzt, ist der Kurs der Berliner S-Bahn. Seit die S-Bahn für den geplanten Börsengang der Bahn ausgeplündert wird, geht es für die Fahrgäste, die Sicherheit und die Qualität nur noch bergab. Ich kämpfe darum, dass wieder die BerlinerInnen als Kunden im Mittelpunkt der S-Bahn stehen und nicht mehr die Rendite. Mein drittes Thema ist der Tierschutz – ich setze mich für einen verantwortungsvollen Umgang mit Zootieren in Berliner Zoos ein.

7. Was war Dein bester Tag als Abgeordnete?

Abgeordnetenhaus Plenarsaal Blick auf die FraktionDer beste Tag für mich im Parlament war der, als ich meine Guerilla-Aktion gegen Rauchverbot an Schulen im Abgeordnetenhaus durchgesetzt habe. In der Fraktion gab es keine Mehrheit für meinen Antrag. Dann habe ich vor und in der Plenarsitzung bei den Abgeordneten Unterschriften gesammelt – und die nötige Mehrheit bekommen! In derselben Sitzung hat das Parlament den Antrag beschlossen, und nach den Sommerferien  waren die  Schulen offiziell rauchfrei. Das war für mich persönlich eine Sternstunde der Demokratie.   

... gibt es auch einen schlechtesten Tag?

Eine schlechte Zeit war der Berliner Bankenskandal. Ich war voller Wut und Frust – durch politischen Filz und Größenwahn ist so viel Geld auf Kosten der Stadt verspielt worden. Es gab eine völlige Ungewissheit darüber, wie schwerwiegend die Folgen sein würden und welches die richtige Entscheidung zur Risikominimierung sein würde.

8. Was machst Du, um von der Politik zu entspannen?

Claudia Hämmerling mit Hund WutzDen Köter an die Leine – und spazieren gehen (lacht). Oder im Garten rumwuseln. Viel zu selten, aber sehr gerne restauriere ich, mache Holzbildhauerei und entwerfe Schmuck. Und sonst sind für mich Ken Follet und Frank Schätzing eine gute Lektüre zum entspannen.

9. Was ist Dein Lieblingsort in Berlin?

Ich bin ein urbanes Landei, mag die ländliche Natur in der Stadt, all die Orte, wo Vögel zwitschern und die Jahreszeiten durch Pflanzen und Bäume erlebbar sind, wo ich Johanniskraut, Schafgarbe und Pilze sammeln kann.

10. Wenn es nach Dir ginge – wie ist  Berlin in 10 Jahren?

Auf den Straßen geht es entspannt zu – es gibt weniger Krach, weniger Lärm, weniger Unfälle und weniger Stress. Fast alle BerlinerInnen fahren regelmäßig Rad, es gibt ein viele gute, breite Radwege in Berlin. Das Öffentlichen Verkehrsnetz funktioniert wie geschmiert. Und weil die Politik nicht über die Köpfe der Leute hinwegregiert, sondern die Menschen ernstnimmt und beteiligt, sind die BerlinerInnen und Berliner viel zufriedener und lächeln häufiger.

... hast Du einen Wunsch für Dich in 10 Jahren?

In 10 Jahren habe ich mit der Politik aufgehört – obwohl es mir schwer fallen wird. So viele Möglichkeiten mitzugestalten wie in der Politik gibt es nirgends. Bestimmt schreibe ich ein Buch darüber, wie Medien  politische Entscheidungen und die Gesetzgebung beeinflussen und welche Eigendynamik manche medialen Forderungen entwickeln können. Vielleicht gründe ich auch eine Tierschutzstiftung oder eine Hundeausbildungsschule. Mal sehen, was die Zukunft bringt...

 

Die Fragen stellte Silke Schendel.

Zusätzliche Information

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