Springe direkt zu: Contentbereich, Hauptnavigation, Suche
Sie sind hier:

1. Thomas, Du bist eigentlich Schauspieler. Jetzt ist Verwaltungsreform Deine Leidenschaft. Wie kommst Du aus diesem schillernden Umfeld zur eher trockenen Bürokratie?
Naja, ich bin schon lange von der Bühne weg und habe ja auch Politikwissenschaften studiert. Aber im Grunde ist es in der Verwaltung doch wie beim Theater: Die Leute müssen bei der Arbeit immer Verstand und Gefühle einsetzen, damit sie zeigen, was sie können! Und natürlich braucht es eine gute Regie, die Strukturen schafft und Freiräume lässt.
In der Verwaltungsmodernisierung geht es darum, bürokratische und hierarchische Strukturen zu überwinden. Immer wieder höre ich: "Das kannst Du doch mit diesen Beschäftigten nicht machen." Aber ich glaube das nicht! Oft ist Verwaltungsdenken durch Selbstbeschränkung geprägt - durch die Stärkung der dezentralen Verantwortung soll die Kreativität der Angestellten und BeamtInnen geweckt werden, damit sie eigenständiger entscheiden und sich vernetzen können. Viele Themenbereiche, wie zum Beispiel Jugendgewalt können ja nur ressortübergreifend gelöst werden. Und für das Schillernde engagiere ich mich ja auch noch in der Lesben- und Schwulenpolitik.
2. Warum bist Du ein Grüner?
Grundsätzlich bin ich grün geprägt - meine Schwester ist Gründungsmitglied in Baden-Württemberg gewesen. Mein Schlüsselerlebnis war 1992: ich hatte mit dem Theaterspielen aufgehört und stand nun vor einem Neubeginn. Im Italien-Urlaub habe ich in deutschen Zeitungen gelesen, dass Republikaner und DVU in deutsche Landtage eingezogen sind. Das hat mich sehr geschockt. Zurück in Berlin habe ich den Charlottenburger Grünen meine Wahlkampfunterstützung für die BVV-Wahlen angeboten. Ich habe plakatiert und an Wahlkampfständen diskutiert. Die Grünen im Bezirk waren mir gleich sympathisch. Als ich den Kreisvorsitz angeboten bekommen habe, bin ich in die Partei eingetreten. Da hatte ich ein neues Ziel! Zunächst habe ich mich neben der Antirassismusarbeit vor allem für meinen damaligen Kiez am Klausenerplatz eingesetzt. Nach und nach hat sich das Spektrum kommunalpolitisch erweitert und die Lesben- und Schwulenpolitik kam hinzu. Parallel habe ich mein Studium der Politikwissenschaften begonnen. Professor Reichardt hat mich im Studium mit dem "Neuen Steuerungsmodell" für den öffentlichen Dienst "infiziert". Daher stammt auch meine Leidenschaft für Verwaltungsreform!
3. Was sind zur Zeit Deine politischen Projekte?
Ich habe drei Großprojekte: Aktuell setze ich mich, aus traurigem Anlass, für den Aktionsplan gegen Homophobie im Parlament ein. Dann arbeite ich daran, dass das Abgeordnetenhaus einen Grundkonzept für sexuelle Gesundheit, zur HIV-und AIDS-Bekämpfung, verabschiedet. Mein drittes politisches Ziel ist eine neue Aufgabenaufteilung in den 12 Berliner Bezirken. Die Bezirksparlamente (BVV) müssen gestärkt werden und ein Politisches Bezirksamt soll mehr eigenständige Kompetenzen bekommen.
4. Was macht Deinen Stadtteil Schöneberg aus?
Ich mag diese gute soziale Mischung. Schöneberg geht vom KadeWe bis zu den Yorckbrücken, die verschiedensten Lebensweisen findet man hier dicht beieinander: Die etwas Bildungsbürgerlichen im Bayerischen Viertel, die Schwulen im Homokiez um die Motzstraße, das arabische Viertel, dazwischen viele Grün-Alternative. Es ist alles nicht so edel und gleichgestrickt, sondern ein spannender Mix! Außerdem gibt es viele reizvolle Läden und Kneipen. Es war immer mein Traum - wenn ich in Berlin leben würde, dann in Schöneberg! Natürlich gibt es auch Probleme: die Gewaltbereitschaft im Homokiez, die Konlitke rund um die Prostitution nicht nur an der Kurfürstenstraße. Eine Herausforderung sind die Planungen für die Umgestaltung des Gleisdreiecks - neben Kreuzberg soll auch Schöneberg davon profitieren. Es gibt einige engagierte Bürgerinitiativen, die sich dafür einsetzen.
5. Du bist gelernter Schauspieler - welche Rollen hast Du am liebsten gespielt?
Am liebsten Musical, zum Beispiel den Baghira im Dschungelbuch oder den Kleister als Irokesenpunk in Linie 1. Gerne habe ich auch in Schillerdramen gespielt, "Don Carlos" oder den Wurm in "Kabale und Liebe". Ich liebe die Sprache bei Schiller. Die scheint heute kompliziert - aber jedes Wort steht richtig und hat Gewicht!

...und in welche Berliner Theater gehst Du selber gern?
... leider viel zu selten... Aber wenn, dann zum Beispiel in das Theater an der Parkaue in Lichtenberg - es verbindet auf kunstvolle Weise klassische Stoffe mit jugendgerechter Darstellung. Oder ins Theater Strahl in der "Weißen Rose" in Schöneberg, die mit "Klasse Klasse" einen echten Hit gelandet haben. Ganz toll ist auch das MigrantInnentheater "Ballhaus Naunyn" in Kreuzberg, das Stück "Jenseits - Bist Du schwul oder bist Du Türke?" hat mir sehr gut gefallen! Stammgast bin ich in der Bar jeder Vernunft und im Tipi im Kanzleramt.
6. Dein Lieblingsplatz in Berlin?
(seufzt)...ach es sind so viele... Ich bin ein Gesamt-Berlin-Verliebter, aber im Kiez um den Klausenerplatz in Charlottenburg kriege ich Heimatgefühle. Da ist es sehr nachbarschaftlich, die Leute sind engagiert - ein Dorf in der Großstadt!
7. Was ist Dein schönster Tag als Abgeordneter?
Als sich die rot-rote Koalition unserem Homophobie-Aktionsplan weitgehend angeschlossen hat! Es ist ein tolles Gefühl, auch aus der Opposition heraus etwas bewegen zu können. Es ist so wichtig für die schwul-lesbische Szene, aber auch für das Selbstverständnis Berlins, dass etwas gegen diese vorurteilsbeladene Gewalt getan wird. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass ich ein Auslöser dafür sein konnte. Jetzt hoffe ich nur, dass den in Kürze anstehenden Beschlüssen auch Taten folgen!
...und was nervt Dich am Abgeordneten-Leben?
Oft passiert es mir, dass ich viele Ideen habe, die ich aber an einem Arbeitstag nicht bearbeiten kann. Es bleibt vieles lange unerledigt liegen. Auch für Privates bleibt viel zu wenig Zeit...
8. Mit wem würdest Du gerne mal Essen gehen?
Mit Arne Friedrich! Der Hertha-Kapitän ist intelligent und sympathisch - mit ihm würde ich gerne mal über darüber reden, was man gegen Homophobie im Fußball tun kann. Dazu würde ich ihn ins Restaurant "More" im Schöneberger Homokiez einladen.
9. Welche Vision hast Du für Berlin in 10 Jahren?
Berlin soll sich endlich offensiv zu dem bekennen, was es ist: kreativ, wandlungsfähig, unfertig. Da ist es in Deutschland führend. Und mit diesen Stärken sollten auch in Politik und Wirtschaft mehr gewuchert werden! Und eine echte Vision wäre es, wenn Berlin auch noch mit dem Service in der Verwaltung führen würde.
10. Und was wünschst Du Dir für Dich?
Gern hätte ich mehr Zeit für meine Vorstandsarbeit im "Verein für Selbstbestimmtes Wohnen im Alter". Das ist für mich eine der Zukunftsfragen: Wie organisieren wir unser Älterwerden? Da engagiere ich mich im Moment noch für die Elterngeneration, aber bald schon - im eigenen Interesse - für alternative Wohnformen. Dann würde ich gerne polnisch lernen - ich mag Polen, wir waren ja mehrmals zum CSD in Warschau, es sind unsere direkten Nachbarn und manchmal schäme ich mich, dass ich die Sprache nicht spreche.
