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1995, als ich 22 war, gab es den Tag, an dem ich sowohl in die grüne Partei, als auch in die Gewerkschaft (GEW) eingetreten bin. Ich habe mich schon immer eingemischt, aber irgendwann dachte ich: wir leben in einem Parlamentarischen System, da solltest Du Deine Interessen auch in einer Partei vertreten! Für mich gab es zwei Gründe, zu den Grünen zu gehen: eine realistische Möglichkeit, sich als Frau in Politik zu engagieren und einen starken, umfassenden Gerechtigkeitsbegriff: Das bedeutet für mich Geschlechtergerechtigkeit, Generationengerechtigkeit, Gerechtigkeit zwischen den Nationalitäten. Nur bei den Grünen habe ich diese Themen so vertreten gefunden und nur dort sind auch Leute, die das so leben.
Ab 1999 habe ich dann Hochschulpolitik gemacht. Die LAG Wissenschaft und ihrer Positionen wird innerhalb der Partei sehr ernst genommen, ich hatte das Gefühl, dass sich mein Engagement lohnt. Dann hatte ich eine Vertretung für die Mitarbeiterin für Uni- und Kulturpolitik übernommen - ja, und 2006 wurde ich dann selbst Abgeordnete.

2. Was sind zur Zeit Deine politischen Projekte?
Im Uni-Bereich setze ich mich dafür ein, die Hochschulverträge, die gerade verhandelt werden, sinnvoll weiterzuentwickeln, ohne Zöllners Modell von 'Kopfgeld' für die AbsolventInnen. Unis sollen leistungsfähig werden oder bleiben! Im Moment ist gerade das Europäische Jahr der Kreativität und Innovation - das muss Berlin mehr nutzen - in Aktionen, im Parlament! Eigentlich gehören wir doch als Stadt hier in den Mittelpunkt, sind ein Schwergewicht. Aber der Senat nutzt das nicht genug!
3. Deine Steckenpferde Gremienarbeit und Wissenschaftspolitik wirken auf viele trocken - was reizt Dich daran?
Uni und Wissenschaft halte ich für einen zentralen Bestandteil für die Meinungsfreiheit in der Gesellschaft. Dadurch, dass an den Unis so viele Diskurse herrschen, es so viel Vielfalt der Meinungen gibt, wird auch die Meinungsbildung der Gesellschaft mitgeprägt. Uni-Experten sind gefragt, wenn es darum geht, Entwicklungen und Probleme zu analysieren und Lösungen vorzuschlagen.
Ich halte es für eine sehr wichtige Aufgabe von Wissenschaftspolitik, diesen Meinungsbildungsprozess, diese Dialoge zu ermöglichen und zu organisieren. Die Verhandlungen sind oft zäh und lang, das stimmt, aber am Ende gibt es kleine Erfolge, die kleine Stellschrauben drehen und damit große Fragen beeinflussen. Ach, ich kann mich stundenlang streiten über die genaue Ausformulierung der Parameter für das Messen von "Erfolg in der Lehre" – vielleicht trocken, aber definitiv wichtig!
4. Was macht Deinen Stadtteil Moabit aus?
Ich mag Moabit sehr, weil es so heterogen, so bunt ist. Moabit ist wie ein Mikrokosmos für Berlin. Wie unter einem Brennglas leben hier alle gesellschaftlichen Gruppen, Zugezogene und Alteingesessene und alle Nationalitäten zusammen, ohne dass eine Gruppe dominiert. Auf dem Spielplatz zum Beispiel ist die "Verkehrssprache" deutsch, weil so viele Herkünfte hier zusammenkommen. Man muss nur ein paar Hundert Meter gehen und schon gibt es eine andere Facette. Problematisch ist in Moabit, vor allem bei mir im Beusselkiez, dass hier so viele Menschen arm sind, strukturell ausgegrenzt, oder Sozialleistungsempfänger mit wenig Chancen. In meiner Nähe ist (leider) Deutschlands größte Arbeitsagentur...!
5. Dein Lieblingsplatz in Berlin?
Der unkrautüberwucherte Schlosspark am Schloss Charlottenburg. Es ist für mich nicht weit mit dem Rad, in diese grüne Oase mit herrlich viel Wildwuchs zu kommen.
6. Was ist Dein schönster Tag als Abgeordnete...?
Mein erstes Werkstattgespräch Wissenschaft Anfang 2008 zur Super-Uni. Ich hatte zur Diskussion ganz unterschiedliche Leute an einen Tisch bekommen, sie haben sehr konstruktiv und kontrovers diskutiert. Ich war fasziniert davon, wie ich durch diese Art der Diskussion etwas als Abgeordnete in der Opposition bewirken kann, eine Diskussion mit prägen kann, obwohl wir keine Mehrheiten haben. Es gibt so viele Möglichkeiten, seine Rolle als Abgeordnete für sein Politikfeld einzusetzen!
...gibt es auch einen schlimmsten Tag?
Als der Senat im Dezember 2008 frech und fadenscheinig die Einstein-Stiftung – das, was von der Super-Uni übrig geblieben ist - beschlossen hatte, obwohl es großen Widerstand dagegen gibt und das Verfahren noch geprüft wird!
7. Mit welcher Literatur kannst Du Dich gut entspannen?
Ich lese gerne Science-Fiction, aber nur die guten Bücher - nicht den Schrott! Am liebsten mag ich daran, dass sich in Sci-Fi gesellschaftliche Themen konsequent übersteigern lassen. Immer wird die Frage, "was wäre wenn..." mitbeantwortet. Im Moment habe ich "Permanence" von Karl Schroeder auf dem Nachttisch liegen.
8. Mit wem würdest Du gerne mal ein gutes Glas Rotwein trinken?
Mit Petra Müllejans, der absolut fantastischen Geigerin des Freiburger Barockorchesters. Meine Schwiegermutter hat mir ein Abo für die FBO-Konzerte in Berlin geschenkt! Ich höre gerne Barockmusik, auch in Interpretationen (z.B. Händels Messias als jazzige "Soulful Celebration"), aber auch russische Komponisten und Musik des frühen 20. Jahrhunderts.
9. Im März kommt Dein erstes Kind - was können PolitikerInnen von Kindern lernen?
Ehrlichkeit, Neugierde, klare Sprache. Warum-Fragen von Kindern sind immer etwas anstrengend, aber die typische Kinderfrage "Warum tust Du das?" oder "Warum ist das so?" sollten sich PolitikerInnen selber öfter stellen.
10. Was für ein Berlin wünschst Du Dir für Dein Kind?
(antwortet sehr entschlossen): Ein lebendiges, offenes Berlin! Eins, das jedem Chancen bietet, ohne Selbstbeschränkungen bei Bildung und Arbeit. Eins, das eine gute Mischung auch in Schulen und Kindergärten bietet. Eine Stadt, in der man sich immer wieder fragen kann "Wie will ich leben?" - und danach sein Leben ausrichten kann. Zurzeit gibt es leider wieder den Trend zur Entmischung in vielen Stadtvierteln, in dem spezielle Straßenzüge für Wohlhabende, Ärmere, MigrantInnen bewohnt werden.
Die Fragen stellte Silke Schendel.
