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Gute Schule 2030 – Bildung als Herausforderung einer Zukunftsvision

Was sind die Anforderungen an Schule im 21. Jahrhundert? Diese und weitere Fragen haben wir am 26. September 2015 unter dem Motto „Gute Schule 2030“ auf unserem grünen Bildungskongress diskutiert. Mit rund 300 TeilnehmerInnen – darunter ExpertInnen und LehrerInnen sowie vor allem auch SchülerInnen und Eltern – haben wir Lösungen gesucht, wie Berlins Schulen und der Unterricht aufgestellt sein müssen, damit Kinder optimal lernen können. Es gab zahlreiche spannende Diskussionen und es Anregungen, die wir in unsere politische Arbeit aufnehmen werden.

Ein Rückblick von Stefanie Remlinger.
 

Gute Bildung ist kein Glücksfall, sondern das Ergebnis hart erarbeiteten Wissens gepaart mit zukunftsweisenden Ideen. In der Tat ist es ein Glücksfall, dass rund 300 Fachleute auf dem Bildungskongress „Gute Schule 2030“ aus vielen pädagogischen Bereichen, Interessierte, Schülerinnen und Schüler sich von Fachvorträgen und Gesprächsrunden inspirieren lassen oder in den Workshops praktische Tipps und neue Gedanken für den schulischen Alltag mitgenommen haben.

„Nichts bringt Schule so sehr durcheinander wie Aktionismus!“, sagte Sylvia Löhrmann, Bildungsministerin in NRW, zum Auftakt unseres Kongresses. Umso wichtiger sei es, Reformprozesse gut beim „Change Management“ zu begleiten und auch den nicht ganz so starken Schulen Zeit zu lassen für ihren Weg. Es war ermutigend von ihr zu hören, dass im bevölkerungsreichsten Land mittlerweile ein Schulkonsens herrscht, der dem längeren gemeinsamen Lernen den Vorzug vor der frühen Auslese gibt. Das muss auch in Berlin unser Weg sein!

Kinder brauchen aber Freiräume für Spontanes

Viele erstaunte Gesichter erzeugten die mit Verve präsentierten Vorstellungen von Margret Rasfeld, Schulleiterin der Evangelischen Schule in Berlin Mitte: Sie setzt mit ihrem Team radikal Reformen durch, ersetzt alte Strukturen komplett durch neues Denken und Handeln. „Lernen läuft über Beziehungen. Ein Lehrer, der am Vormittag vor 120 Kindern steht, kann keine Beziehung aufbauen“, lautet eine ihrer Thesen. Im herkömmlichen Unterricht wisse der Lehrer immer schon, welches Ergebnis am Ende der Stunde zu erreichen ist. „Kinder brauchen aber Freiräume für Spontanes! Es geht heute um den Umgang mit Komplexität, nicht um das Pauken von Fachwissen!“ Dem Kind viel zutrauen, baulich und personell ein gutes Lernumfeld schaffen, jeden Menschen wichtig nehmen – das sind Rasfelds Leitziele für die Gute Schule 2030.
 


Einige Ergebnisse aus den Workshops, zeigen doch, wie viel Wegstrecke hin zur Guten Schule wir noch vor uns haben. Heiko Thomas, gesundheitspolitischer Sprecher der Fraktion, moderierte den Workshop „Gesunde Schule“. Ein enorm wichtiges Thema, denn wir reden dabei nicht nur über das Mensa-Essen. Wie wollen wir mit Kindern umgehen, die Burn-out-Symptome zeigen? Oder Anzeichen von Magersucht? Wie umgehen mit dem Griff zur Pillendose, wenn der Kopf schmerzt? Und wie erhalten wir die Gesundheit des pädagogischen Teams? „Schule ist mehr als ein Gebäude“, sagt Heiko Thomas. „Wir müssen dafür sorgen, dass es untereinander ein Größeres Miteinander gibt – eine Voraussetzung für eine gute, gesunde Schule.“

Unterricht im digitalen Zeitalter

 

Ernüchternde Ergebnisse berichtete auch Thomas Birk aus dem Workshop „Unterricht im digitalen Zeitalter“ . „Das Image der Stadt Berlin als digitaler Vorreiter und Start-up-City hat mit der Realität der Schulen nichts zu tun“, sagt er nach dem Austausch mit 30 Experten. Ein Smartboard macht das Lernen noch nicht digital, erklärt Thomas: „Es fehlt praktisch an allem: an Curricula für einzelne Fächer, wie mit modernen Methoden gelehrt werden kann. An guten Fortbildungen für Lehrkräfte. An der gesicherten Finazierung für freie Träger der Medienarbeit. Aber auch an sicheren Lernplattformen, ohne sich gleich kommerziellen Anbietern zu unterwerfen.“ Für die Vernetzung untereinander verwenden Lehrkräfte, SchülerInnen und Eltern oft Facebook oder What’s App – „eine Notlösung, nicht der richtige Weg.“ Seine Arbeitsgruppe ist überzeugt: Wir brauchen einen digitalen Think tank für die gute digitale Schule 2030.

Interessante Aspekte zum Ganztagsunterricht berichtete Torsten Wischnewski-Ruschin, Sprecher der LAG Bildung. „Teams zu bilden ist ein guter Schritt, etwa für Jahrgänge oder einzelne Aufgaben. Wichtig ist, dass für die diese Runden Zeit eingeplant wird – und die Arbeit nicht zusätzlich zum Alltag dazukommt! Diesezeitlichen Rahmen müssen transparent sein, die Aufgaben klar beschrieben werden.“ Auch die Freiheit, gar nicht an derartigen Prozessen teilzunehmen, müsse es geben – bei voller Unterrichtsleistung.
 


Vom absoluten Konsens, dass Grundschul-PädagogInnen künftig genauso zu bezahlen seien wie die KollegInnen an den Oberschulen, berichtet Anja Schillhaneck, unsere Sprecherin für Wissenschaftspolitik. „Diese Schulreform vermittelt die absolut notwendigen Grundkompetenzen an alle Schülerinnen und Schüler, quasi als zivilisatorische Instanz. Also muss sie personell und baulich so ausgestattet sein, dass sie ihre Aufgabe erfüllen kann!“ Daher müsse man politisch um die Anerkennung der an den Grundschulen erbrachten Leistungen kämpfen.

Beim Abschlusspodium wurde das drängendste Thema aufgegriffen. So brachte LSA-Mitglied Julius Gast seine Sorgen auf den Punkt: „Was den Umgang mit Flüchtlingen angeht hatte ich zu Beginn den Eindruck, dass viele Schulleitungen sich eher Sorgen machen, etwa bei der Frage der Willkommensklassen, der Platzsituation oder der Einbindung der neuen SchülerInnen. Inzwischen meine ich, dass die Bereitschaft sehr gestiegen ist, sich auf das Thema und die Herausforderungen einzulassen.“ Einig waren sich alle beteiligten, dass die Willkommensklassen nicht ausgesondert werden dürfen. So der GEW-Vorsitzende Tom Erdmann: „Es ist völlig richtig, die inzwischen 470 Willkommensklassen direkt in den Schulen anzusiedeln.

Das heißt aber für das Lehrpersonal im Bereich Deutsch als Zweitsprache, dass deren Verträge entfristet und in reguläre Beschäftigungsverhältnisse umgewandelt werden müssen. Wir haben viele qualifizierte Lehrkräfte für DaZ an den Volkshochschulen. Wir müssen dafür Sorge tragen, dass diese Kräfte künftig regulär an den Schulen arbeiten können.“ Dennoch gibt es insbesondere bei der Rekrutierung von Fachkräften noch viel zu tun. Dies stellte insbesondere Normen Heise vom Landeselternausschuss fest: „Ich höre, dass viele Lehrinnen und Lehrer sehr gerne mit den Flüchtlingskindern in den Willkommensklassen arbeiten. Wir sollten aber beim Thema Integration darauf achten, nicht etwa Referendare oder Quereinsteiger dabei alleine zu lassen.“

Gute Schule 2030 – eine Herausforderung für alle

Der Kongress verdeutlichte, dass die Gute Schule 2030 eine Herausforderung für alle Beteiligten ist. Aber eine Herausforderung für die es sich lohnt zu kämpfen. Schule wird auch in Zukunft viele unterschiedliche Aufgaben zu bewältigen haben. Sie wird die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und Jugendlichen als Ganzes in den Mittelpunkt stellen müssen und zum Wissens- und Kompetenzerwerb in produktive Beziehung setzen. Sie soll eine sehr eigenständige Schule sein, die sich nach Außen, zu den Eltern, zum Sozialraum und zu außerschulischen BildungspartnerInnen hin öffnet. Sie soll eine Schule sein, die damit umgehen kann, dass sich Lebensweisen und familiäre Strukturen geändert haben.
 


Schule soll nicht nur die überbrachten Wissenbestände und Traditionen vermitteln, sondern auch für ein Leben in unserer schnellebigen, technisch sich rasant weiter entwickelnden und global vernetzen Welt ertüchtigen. Sie wird also nunmehr auch daran gemessen werden, ob den Jugendlichen der nächste Schritt heraus aus der Schule und hinein in Studium oder Ausbildung so gut gelingt wie diese sich das wünschen. Die Gute Schule 2030 steht für eine Zukunftsvision, die uns herausfordert. Wir werden die Ergebnisse des Kongresses in unsere tägliche Arbeit mitnehmen, um wie Margret Rasfeld auf dem Kongress sagte: „Die Vision muss groß sein – die Schritte dorthin können kleiner sein.“
 

 

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